Wissen für die Aufnahme I:
Mikrofon-Typen und Mikrofon-Charakteristiken

Inhalt:

Dem Mikrofon kommt - die aufmerksame LeserIn wird es schon geahnt haben - bei der Aufnahme akustischer Signale eine fundamentale Rolle zu, da es die hörbaren Luftschwingungen in elektrische Wechselspannungssignale und damit überhaupt erst in ein weiterleitbares und verarbeitbares Audiosignal übersetzt.

Dabei unterscheiden sich Mikrofone durch ihre Bauart in zweierlei Hinsicht:

Wandlungstypen:
Dynamisches oder Kondensator-Mikrofon

Ein dynamisches Mikrophon ist im Prinzip aufgebaut wie ein kleiner (dynamischer) Lautsprecher und funktioniert genau umgekehrt: Die Mikrofonmembran ist an einer Spule befestigt, die sich im Luftspalt eines Magneten frei bewegen kann. Durch die Schallwellen wird die Membran und mit ihr die Spule in Bewegung versetzt. Und da sich die Spule im Magnetfeld bewegt, wird in ihr eine Induktions-Spannung erzeugt, die dem Verlauf der Membranbewegung und damit dem Verlauf der Schallwellen folgt.

Dynamische Mikrofone vertragen hohen Schalldruck, sind in der Regel recht robust und meist unempfindlicher gegenüber Hand- und Windgeräuschen als Kondensatormikrofone. Zudem brauchen sie keine eigene Spannungsversorgung.

Allerdings haben dynamische Mikros bauartbedingt keinen linearen Frequenzgang1 und bieten meist nur eine geringe Ausgangsspannung, was sie anfällig gegen Brummgeräusche macht, aber auch ungeeignet für manche Aufnahmegeräte, die mit der niedrigen Ausgangsspannung nicht umgehen können. Da die Membran wegen der mit ihr verbundenen Spule recht schwer ist, reagieren dynamische Mikrofone zudem eher träge auf Schallimpulse, wodurch sie tendenziell eher matschig, weniger knackig klingen.

Beim Kondensatormikrofon ist die Mikrofonmembran Teil eines Kondensators, der aus dieser beweglichen Membranelektrode (meist eine leitende Folie) und einer festen Gegenelektrode besteht. Die Stärke der Ladung dieses Kondensators ist bei gegebener Größe vor allem durch den Abstand der beiden Elektroden voneinander bestimmt. Wird die Membranelektrode nun durch die Schallwellen in Schwingung versetzt, ändert sich dieser Abstand und damit auch die Ausgangsspannung des Kondensators analog zu den Schallschwingungen.

Da der Kondensator permanent geladen werden muss, braucht ein Kondensatormikrofon für den Betrieb eine Stromversorgung: entweder eine Batterie oder eine sog. Phantomspeisung durch Mischpult oder Aufnahmegerät (je nach Mikrofon zwischen 9 bis 52 Volt; Phantom, da die Stromführung nicht über eine eigene Leitung, sondern über die Adern des Mikrofonkabels erfolgt).

Kondensatormikrofone bieten einen relativ linearen Frequenzgang, wegen der leichteren Membran gutes Impulsverhalten und durch die externe Stromversorgung eine hohe Ausgangsspannung. Sie sind allerdings weniger robust, empfindlicher gegenüber Hand- und Windgeräuschen und haben, da der maximale Abstand beiden Elektroden des Kondensators voneinander nicht beliebig vergrößert werden kann, einen geringeren Grenzschalldruck.

Eine besondere Form des Kondensatormikrofons ist das (Folien-)Elektretmikrofon. Hier wird bei Herstellung auf die Membranfolie ein Elektret aufgetragen, das quasi-permanent gespeicherte elektrische Ladungen enthält, so dass eine zusätzliche externe Stromversorgung zum Betrieb des Kondensators überflüssig ist. Wegen des hohen Widerstands der Elektretfolie bedarf es allerdings eines Impedanzwandlers, der zumeist mit im Mikrofon integriert ist und selbst wiederum eines geringen Speisestroms von weniger als 1 mA (bei 1,5 V) bedarf, der über das Mikrofonkabel zugeführt wird. Eine Batterie oder eine klassische Phantomspeisung ist nicht erforderlich.

Elektretmikrofone sind allerdings erheblich weniger empfindlich als klassische Kondensatormikrofone, werden im Alter noch unempfindlicher, da sich das Elektret aufbraucht, und ihre Empfindlichkeit ist zudem von der Umgebungstemperatur abhängig (je wärmer je schlechter).

Richtcharakteristiken

Wie deutlich ein Mikrofon ein akustisches Ereignis aufnimmt, hängt natürlich wesentlich davon ab, wie weit das Mikrofon von der akustischen Quelle entfernt ist.

Ähnlich wie ein Scheinwerfer nicht die ganze Umgebung, in der er leuchtet gleichmäßig ausleuchtet, ist ein Mikrofon zudem auch bauartbedingt (d.h. je nachdem wie die Membran im Mikrofonkäfig angeordnet ist) unterschiedlich empfindlich gegenüber Luftschwingungen aus unterschiedlichen Richtungen. Und ähnlich wie man ganz oder nahezu im Dunkeln steht, wenn man den Lichtkegel eines Scheinwerfers verlässt, wird man auch von einem Mikrofon nicht oder erheblich schlechter gehört, wenn man dessen Aufnahmebereich verlässt, obwohl sich die Entfernung zum Mikrofon vielleicht gar nicht geändert hat.

Diese Richtcharakteristik von Mikrofonen (ihre Empfindlichkeit im Verhältnis zum Schalleinfallswinkel) kann man sich zu Nutze machen, wenn man das richtige Mikrofon für den gewünschten Zweck wählt. Die genauen Angaben zur Richtcharakteristik eines speziellen Mikrofons finden sich immer in den technischen Angaben zu diesem Mikrofon. Allgemein lassen sich aber unterschiedliche Grundformen2 von Richtcharakteristiken unterscheiden.

Kugelcharakteristik Kugelcharakteristik (auch: Omnidirectional):

Die Membran sitzt auf einer akustisch geschlossenen Kapsel und erfasst daher den Druckunterschied zwischen vor der Kapsel und dem gleichbleibenden Druck in der Kapsel (Druckmikrofon).

Aufgenommen wird alles rund um die Kapsel, sofern es nah genug dran ist. Es ist ziemlich egal, wohin das Mikrofon gerichtet wird. Die Handhabung eines solchen Mikros gilt daher als unproblematisch, allerdings werden z.B. bei einem Interview auch alle Umgebungsgeräusche gleich stark mit aufgenommen, wie der Gesprächspartner. Gut geeignet z.B. für Interviews mit Gruppen, die man rund um das Mikro positioniert.

Acht Acht (auch: Bidirectional):

Hier ist die Membran von vorne und hinten für Schalldruck zugänglich und misst daher den Druckunterschiede vor bzw. hinter der Membran (Druckgradienten-Mikrofon). Als Charakteristik entsteht eine Acht, deren beide Hälften unterschiedlich gepolt sind. Lange Schallwellen, also tiefe Frequenzen haben allerdings wenig Druckunterschied vor und hinter der Membran, so dass der Pegel eines solchen Mikrofons im Bassbereich abfällt.

Ein solches Mikrofon kann beim Interview praktisch sein: Fragen aus der einen Richtung, Antworten aus der anderen. Schon leichte Kopfdrehungen sind allerdings problematisch!

Nierencharakteristik Nierencharakteristik (auch: Cardoid oder: Unidirectional):

Auch hier ist die Membran von vorne und hinten für Schalldruck zugänglich und misst daher den Druckunterschiede vor bzw. hinter der Membran. Hinter der Membran befindet sich jedoch eine Konstruktion, die den von hinten auftreffenden Schall so lange verzögert, wie er braucht, um auch vor die Membran zu gelangen. Vor und hinter der Membran herrscht also bei rückwärtigen Signalen derselbe Schalldruck, wodurch sie nicht wahrgenommen werden und eine Nierencharakteristik entsteht.

Eine Niere ist immer dann sinnvoll, wenn man keine Umgebungsgeräusche und keine Signale von hinten aufnehmen will. Sie ist weniger empfindlich gegen Kopfbewegungen, da sie (in Grenzen) auch Signale von der Seite aufnimmt.

Superniere Super-Niere / Hyper-Niere / Keule:

Hier wird der Nierenaufbau baulich noch durch den Zusatz eines Interferenzrohres ergänzt, in dem durch Laufzeitunterschiede von der Schallrichtung abhängige akustische Auslöschungen erzielt werden.

Man erreicht so eine noch stärkere Ausrichtung des nach vorn; zur Falle kann jedoch werden, dass dabei auch eine größere Empfindlichkeit in einem kleinen Bereich nach hinten entsteht, als bei der klassischen Niere.

Grenzfläche Grenzflächen-Mikrofon:

Ist eigentlich keine eigene Charakteristik. Der Mikrofonkörper ist hier als Platte ausgelegt, die auf eine Fläche (Boden, Tisch) gelegt werden kann und in die eine Druckmikrofonkapsel (also mit Kugelcharakteristik) eingelassen ist. Da es durch die Fläche kein hinten gibt, entsteht so eine Halbkugel-Charakteristik.

Dieser Mikrofontyp eignet sich besonders zur Aufnahme von Raumsignalen. Im Gegensatz zur Kugel ändert sich die Klangfarbe weder mit der Entfernung noch mit der Schalleinfallsrichtung.

Und was ist jetzt mit Stereo?
Und Mehrkanal-Ton?

Stereo ebenso wie Quadrofonie und Sourround sind (letztlich immer unzulängliche) Versuche, die tatsächliche räumliche Verortung akustischer Ereignisse im wirklichen Leben bei ihrer Übertragung oder Aufzeichnung künstlich zu reproduzieren und dadurch sog. Raumklang zu erzeugen.

Kehren wir noch einmal zurück zum Vortrag von Prof. Redeviel aus dem Grundlagen-Abschnitt und hören wir diesmal genauer hin: Der Herr Professor hat nicht nur geredet und dabei die Luft in Schwingung versetzt, was unsere Ohren aufgenommen haben. Sondern er stand dabei an einem Rednerpult vorne links auf der Bühne, während wir, weil mal wieder zu spät gekommen, ganz hinten rechts im Saal saßen. Je nachdem, wie wir unseren Kopf gerade gehalten haben, trafen die Schallwellen, die der Professor produzierte, unterschiedlich schnell auf jedes einzelne unserer beiden Ohren. Die Luftschwingungen, die der Professor erzeugte trafen zudem nur zum Teil direkt auf unsere Ohren, zum anderen Teil wurden sie von den Wänden, den deckenhohen Fenstern sowie von Gegenständen im Saal reflektiert, dabei leicht modifiziert, um schließlich mit einer (Laufzeit-)Verzögerung auf unsere Ohren zu treffen. Last not least war zu allem Überfluss in den wenigen Redepausen des Professors durch das offene Fenster in der rechten Saalwand noch ein kleiner Spatz zu hören, der unermüdlich versuchte, dem gebildeten Mann Paroli zu bieten. Und zwei Platze weiter links von uns, war eine offenbar hungrige Zuhörerin immer wieder mit einer knisternden Lakritztüte beschäftigt.

Um diesen akustischen Eindruck, den wir bei der Rede des Professors haben, wenn wir im Saal zugegen sind, aufzuzeichnen, wird keines der vorgestellten Mikrofone ausreichen.

Wir könnten natürlich verschiedene Mikrofone verwenden und deren Signale mischen: z.B. eine Niere direkt am Pult für die Rede, eine Kugel an unserer Position für den Raum, also die laufzeitverzögerten Schwingungen der Rede und die anderen Geräusche, vielleicht sogar noch ein drittes für den kleinen Spatzen am Fenster. Aber auch dann würde beim Anhören der Aufnahme kein dem Originalereignis vergleichbarer Eindruck entstehen, denn alle Signale kämen von einem Punkt: aus unserem Lautsprecher. Spatz, Lakritztüte und Raumgeräusche würden daher nicht den Eindruck eines Raums erzeugen, in dem wir die Rede hören, sondern würden, da alle Signale aus derselben Richtung kommen, zu bloßen Störgeräuschen, die Verständlichkeit der Rede erschweren.

Raumklang entsteht erst, wenn man auch im Abhörraum der Aufnahme mindestens zwei Lautsprecher mit angemessenem Abstand voneinander positioniert, die mit unterschiedlichen Signalen von verschiedenen Mikrofone bestückt werden (mindestens je eins pro Lautsprecher). Da der Mensch mit seinen Ohren auf Grund von Lautstärke- und Laufzeit-Unterschieden von akustischen Signalen die Richtung von Schallquellen lokalisieren kann, entsteht für den Zuhörer so der Eindruck eines Raumes, in dem die gehörten Ereignisse stattfinden, der den wirklichen Raum, in dem der Zuhörer sich befindet, ergänzt und (bei entsprechender Lautstärke) überlagert.

Schon bei zwei Lautsprechern (Stereo: 2 Kanalton) werden akustischen Ereignisse nicht mehr nur aus Richtung eines der beiden Lautsprecher kommend wahrgenommen, sondern (bei entsprechender Aufnahme) auch an Positionen zwischen den Lautsprechern.

Stereo: ideale Abhörposition Im Stereo-Idealfall, wenn Zuhörer und Lautsprecher ein gleichschenkliges Dreieck bilden und der Zuhörer in die Mitte zwischen die Lautsprecher guckt, kann bei entsprechender Aufnahme das ganze Spektrum von ganz links über die Mitte bis ganz rechts lückenlos abgebildet werden: Professor Redeviel könnte also während seines Vortrags getrost von links nach rechts und wieder zurück wandern, während rechts der kleine Spatz gegen ihn an zwitschert.

Und selbst wenn der Zuhörer der Aufnahme nicht ideal sitzt, was ja eher selten der Fall sein dürfte, kann er noch die Bewegung des Professors wahrnehmen, auch wenn er sie nicht mehr genau lokalisieren kann.

Surround: ideale Abhörposition Bei 4-kanaligen (Quadrophonie) oder 5-kanaligen (Surroundsound) Aufnahmen, mit entsprechend 4 oder 5 Lautsprechern lassen sich akustische Ereignisse auch hinter und neben dem Zuhörer wahrnehmen bzw. positionieren. Voraussetzung ist hierfür allerdings die Verwendung gleichwertiger Lautsprecher für hinten und vorne, was bei dem meisten TV-Surround-Anlagen, die nur für einzelne Effekte von hinten im neuesten Star-RummsPengBumm-Film gedacht sind, leider nicht der Fall ist. Nutzt man jedoch das richtige Abhör-Equipment sind Hör-Eindruck und auch die Möglichkeiten für die Produktion selbst im Bereich des klassischen Radio-Features enorm. Man kann z.B. O-Ton und Overvoice nach vorne und hinten legen und damit dem Zuhörer die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, auf welches der beiden Signale er seine Konzentration richtet. Bei einer links/rechts-Trennung in Stereo ist dies nicht möglich, da das menschliche Gehör die Signale nicht so deutlich trennen kann.

Bei allen Überlegungen zu mehrkanaligen Aufnahmen, sollte man sich allerdings über eins im Klaren sein: Selbst die beste mehrkanalige Aufnahme eines akustischen Ereignisses wird dieses Ereignis nie wirklich abbilden können - schon allein deshalb, weil der wirklich anwesende Mensch die Fähigkeit besitzt sich auf ausgewählte Signale zu konzentrieren und andere eher auszublenden. Diese Fähigkeit besitzen Mikrofone nicht. Durch ihre Positionierung und spätere Abmischung der Signale kann daher immer nur eine künstliche Wahrnehmung geschaffen werden, die die Aufmerksamkeit des Zuhörers zudem immer zu lenken sucht.

Für Stereo-Aufnahmen, um die es im Folgenden nur gehen soll, gilt dies ganz besonders, denn:

“Die Stereowiedergabe über nur zwei Lautsprecher ist eine radikale Vereinfachung des ursprünglichen Schallfeldes, das wenig mit dem Originalschallfeld beim natürlichen Hören zu tun hat. Daher muss sich immer eine “verzerrte” Klang-Abbildung des ursprünglichen Schallereignisses mit seinem Raum ergeben.” 3

Und noch etwas sollte sich der freie Radio-Worker beim Thema Stereo klar machen: Nur weil wir am Ende eine Stereo-Sendung produzieren wollen, müssen wir keineswegs alle unsere Aufnahmen in Stereo machen, wie so manch ahnungslose(r) RedakteurIn meint und von Autoren verlangt. Gerade punktuelle Schallquellen, wie z.B. ein Interviewpartner oder ein akzentuiertes Geräusch verlangen vielmehr eine Mono-Aufnahme! Denn der Sinn der Stereo-Aufnahme liegt ja gerade darin, den ganzen Raum, also möglichst alle akustischen Ereignisse in diesem aufzuzeichnen: den Spatz am Fenster, die knisternde Lakritztüte usw. Diese sind jedoch für den Zweck unserer Aufnahme, etwa den Ausführungen eines Interviewpartners oder, um im Bild zu bleiben, den Worten von Prof. Redeviel nur Störsignale - und das Mischungsverhältnis zwischen diesen Störsignalen und dem Signal, das wir eigentlich aufnehmen wollen, ist bei einer Stereoaufnahme unveränderlich gegeben. Zudem lässt sich eine Stereo-Aufnahme auch erheblich schlechter schneiden, da im Zweifelsfall gerade an der Schnittstelle die Worte des Professors durch ein anderes Raumgeräusch überlagert werden.

Viel sinnvoller ist es, den Professor (bzw. unseren Interviewpartner) möglichst direkt mono aufzunehmen (etwa mit einer Niere) und zusätzlich während oder u.U. nach dessen Rede den Raumes mit seinen Geräuschen in Stereo. Diese beiden Signale können dann während der Produktion der Sendung gemischt werden, wobei wir das Mischungsverhältnis aber selbst in der Hand haben, also sicherstellen können, dass die Worte des Professors immer verständlich oder im Vordergrund bleiben. Im Panorama können wir den Professor dabei auch ganz unproblematisch wieder an seine ursprüngliche Position leicht links auf der Bühne setzen.

Das sei aber nicht authentisch, meint deine(r) RedakteurIn? Nein, ist es nicht! Aber, das sollten die bisherigen Betrachtungen zu Stereo- und Mehrkanalton gezeigt haben: Mehrkanalton, und Stereo im Besonderen, sind nie authentisch, sondern immer eine künstliche Reproduktion von Wirklichkeit! Die Frage ist nur, ob wir das wirkliche akustische Ereignis, das wir abbilden wollen, gut oder schlecht künstlich reproduzieren!

Stereo-Mikrofonierung

Da man als freier Radioarbeiter, sofern man nicht Tonmeister ist, eher selten in die Verlegenheit kommen dürfte, ein Konzertereignis o.ä. zu mikrofonieren, sollen hier nur die wesentlichen Prinzipien und einige Begriffe, die gern zu Verwirrung führen, erläutert werden.

Prinzipiell braucht es für eine Stereo-Aufnahme, wie wir gesehen haben, mindestens zwei Mono-Mikrofone, je eines für jeden der beiden Kanäle der Aufnahme (meist: links und rechts). Auch sog. Stereomikrofone sind in ihrem Inneren nichts anderes als zwei Mono-Mikrofone, besitzen also zwei unterschiedlich ausgerichtete Kapseln und Membranen. Zudem sollte die beiden Mono-Mikrofone technisch gleichwertig bzw. auf einander abgestimmt sein, weshalb man sie (gerade bei preiswerteren Modellen, bei deren Produktion Qualitätsschwankungen die Regel sind) meist schon als Stereo-Pärchen erwirbt.

Seit den ersten Experimenten mit Stereofonie in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich drei Grundtypen für die Positionierung der beiden Mikrofone herausgebildet, die z.T. zu recht unterschiedlichen Signalen auf beiden Kanäle führen: AB-, XY- und MS-Stereofonie. Alle drei Typen nutzen dabei auf unterschiedliche Weise die beiden physikalischen Ursachen für die Unterschiede der Signale beider Kanäle, nämlich

Dies ist für die Nachbearbeitung einer Stereoaufnahme relevant, da nur die durch Pegeldifferenz erzielten Unterschiede der beiden Kanäle noch nachträglich, etwa durch den Panoramaregler im Mischpult modifiziert werden können, die durch Laufzeitdifferenz entstandenen Unterschiede jedoch nicht mehr.

AB-Stereofonie Die AB-Stereofonie 4 baut fast ausschließlich auf die unterschiedliche Laufzeit, mit der die Schallwellen auf die beiden Mikrofone treffen, die hier nebeneinander aufgebaut sind, so dass ihre Achsen parallel zueinander stehen. Der ideale Abstand der beiden Mikrofone voneinander hängt bei diesem Aufbau von ihrer Richtcharakteristik ab: 60 cm bei zwei Kugeln, 30 cm bei zwei Nieren, bei Supernieren noch näher, wobei aber auch gilt: Je weiter die Mikrofone voneinander entfernt sind, je größer ist die räumliche Breite, in der akustische Ereignisse aufgezeichnet werden können. 5

Die Signale der beiden aufgezeichneten Kanäle liegen bei der AB-Stereofonie links bzw. rechts.

XY-Stereofonie Die XY-Stereofonie arbeitet in ihrer klassischen Form wesentlich mit den Pegeldifferenzen der beiden Mikrofone, die meist die Charakteristik eine Niere oder Superniere (seltener einer Acht) haben und dicht nebeneinander (meist sogar übereinander), aber in in einem Achsen-Winkel von 90° zueinander aufgebaut werden.

ORTF/NOS-Stereofonie Experimente beim französischen Rundfunk (ORTF)6 und beim niederländischen Radio (NOS) haben allerdings XY-Mikrofonaufstellungen ergeben, die auch Laufzeiteffekte berücksichtigen, indem Winkel und Abstand der Mikrofone geändert wird (sog. Äquivalenz-Stereofonie). Beim ORTF-Aufbau stehen sie in einem Winkel von 110° und einem Abstand von 17 cm, bei NOS-Aufbau in einem Winkel von 90° und einem Abstand von 30 cm.

Auch bei der XY-Stereofonie liegen die Signale der beiden aufgezeichneten Kanäle links bzw. rechts.

MS-Stereofonie Bei der MS-Stereophonie (Mitte/Seite) werden im Unterschied zu den beiden anderen Arten zwei Mikrofone unterschiedlicher Richtcharakteristik verwendet, die möglichst dicht hintereinander oder übereinander stehen: eine Kugel für das Mitten-Signal und eine quer liegende Acht für die (durch die Acht unterschiedlich gepolten) Seitensignale, wobei die positive Polung der Acht laut Norm nach links zeigt. Auch dieses Verfahren basiert wesentlich auf Pegeldifferenz, wobei die Signale der beiden aufgezeichneten Kanäle hier aber Mitte und Seite repräsentieren und zur Wiedergabe auf zwei links-rechts positionierten Lautsprechern (und auch zur normalen Weiterbearbeitung in einem Soundbearbeitungsprogramm) erst umgerechnet werden müssen:
            Links    = Mitte + Seite,
            Rechts = Mitte - Seite.

Der Vorteil dieses zu Beginn des Stereo-Zeitalters vor allem im deutschen Rundfunk verwendeten Verfahrens liegt in seiner absoluten Mono-Kompatibilität: Während es bei AB- und XY-Stereofonie bei einer nachträglichen Mono-Bildung, also der Addition des linken und rechten Kanals auch zu Auslöschungen kommen kann*, erhält man bei der MS-Stereofonie durch bloßes Weglassen des Seitenkanals immer ein sauberes Mono-Signal.

Diese Auslöschungen haben ihre Ursache wesentlich (sofern nicht eine versehentliche Verpolung eines Mikrofons vorliegt) in einer Phasenverschiebung der Signale beider Mikrofone bedingt durch die Laufzeitdifferenz, mit der die Signale auf die Mikrofone treffen.
Phasenverschiebung
Für alle Frequenzen, deren Wellenlänge (T) doppelt so groß ist, wie die sich durch den Abstand der beiden Mikrofone zueinander ergebende Laufzeitdifferenz der Signale (T/2), führt diese Phasenverschiebung bei dem entfernteren Mikrofon zu einem quasi invertierten oder verpolten Signal, so dass beide Signale sich bei der Mono-Summen-Bildung auslöschen.
(Abb. aus: Eberhard Sengpiel: Verpolung und Phasenverschiebung sind verschiedene Begriffe, UdK Berlin 2006

Hinzu kommt, dass auch die UKW-Übertragung von Stereosignalen auf diese Weise funktioniert: Auf dem UKW Hauptband liegt das Mitte-Signal, auf dem Nebenband das Seitensignal. Ist der Empfang nicht gut genug, wird nur auf das stabilere Monosignal des Hauptbands zugegriffen.

Und auch im digitalen Zeitalter hat dieses Verfahren noch Bedeutung, z.B. bei der mp3-Codierung als joint-stereo.

besondere Stereo-Mikrofone

Wie erläutert ist die Abbildung wirklicher akustischer Ereignisse in der Stereofonie eher unzulänglich. In den 70iger Jahren, des letzten Jahrhunderts gab es deshalb die Idee, die natürliche Schallwahrnehmung des Menschen einfach technisch nachzubilden, indem man zwei Mikrofone in einen künstlichen Kopf platziert: das sog. Kunstkopf-Mikrofon.

Kunstkopf Tatsächlich lassen sich so akustische Ereignisse erheblich besser lokalisieren, oben und unten, hinten und vorne und sogar im Kopf können Signale wahrgenommen werden - allerdings nur, wenn man die Aufnahme mit (möglichst geschlossenen) Kopfhörern abhört. Hört man die Aufnahme auf Lautsprechern, ergibt sich ein eher verwaschenes Klangbild, auch Monokompatibilität ist eher nicht vorhanden.

Im Rundfunk ist die Kunstkopf-Stereofonie daher nach einigen Jahren wieder aus der Mode gekommen. Vielleicht hätte sie heute, wo viele Hörer Radio ohnehin nur mit den Kopfhörern ihres Smartphones hören, ja wieder eine Chance. Für den freien Radio/Audio-Worker dürfte der Kunstkopf allerdings schon preislich (knapp 8000 € für das neue Modell der Firma Neumann) eher jenseits des Mikrofon-Budgets liegen.

Erheblich günstiger kommt da das sog. Original-Kopf-Mikrofon (OKM) der Berliner Firma Soundman. OKM Die zu Grunde liegende Idee ist hier ähnlich wie beim Kunstkopf, statt eines künstlichen verwendet man jedoch den natürlichen Kopf des Aufnehmenden, in dessen Ohren (In-Ear-)Kopfhörer ähnliche Elektret-Mikrofone gesteckt werden (neuerdings werden auch Holzköpfe zum Hineinstecken angeboten). Da die Mikrofone außen am Kopf angebracht werden, ist die Wiedergabe des natürlichen Schallfeld nicht so gut wie beim Kunstkopf. Auch sind die dünnen Kabel sehr berührungsempfindlich. Dafür ist das OKM aber auch erheblich preiswerter (je nach Modell um die 200 €) und eignet sich, da es wie Kopfhörer wirkt, u.U. auch für versteckte Aufnahmen.

Als letztes besonderes Stereomikrofon soll hier noch die von dem Schweizer Rundfunk-Tonmeister Jürg Jecklin entwickelte und nach ihm benannte Jecklin-Scheibe7 vorgestellt werden. Die von Jecklin selbst als OSS-Scheibe (OSS für Optimum Stereo Signal) bezeichnete Vorrichtung besteht aus zwei (manchmal auch vier), leicht schräg nach links und rechts ausgerichteten Mikrofonen mit Kugelcharakteristik, die durch eine Scheibe von 30 cm Durchmesser voneinander getrennt sind. Jecklin-Scheibe Diese Scheibe, die mit einem Schall absorbierenden Material bespannt ist, soll dabei die Schallabschattung nachbilden, die beim natürlichen Hören der Kopf jeweils einem Ohr gibt. Entsprechend dieses Gedankens der Abschattung lag der ursprünglich von Jecklin gesetzte Abstand der linken und rechten Mikrofone voneinander beim natürlichen mittleren menschlichen Ohrabstand von ca. 16,5 cm. Ein größerer Abstand von ca. 30 cm verbessert jedoch die Aufnahmequalität.

Die Jecklin-Scheibe nimmt sowohl die Laufzeit- als auch die Pegeldifferenzen der Schallsignale auf beide Mikrofonen wahr und erzeugt eine als breit empfundene räumliche Darstellung. Die Aufnahmen sind im Unterschied zum Kunstkopf auch fürs Hören mit Lautsprechern geeignet. Seitlich auftreffender Schall wirkt jedoch leicht spitz und aggressiv.

Einen ähnlichen Effekt wie mit der Jacklin-Scheibe kann man übrigens auch mit dem OKM und einem gewöhnlichen Geodreieck erzielen, indem man die beiden Mikrofone des OKM mit einem Klebstreifen auf je eine Seite des Geodreiecks ungefähr in dessen Mittelpunkt klebt, wobei sie leicht nach außen angewinkelt sein sollten. Für Atmo-Aufnahmen durchaus empfehlenswert.

Hier gilt, wie überhaupt beim Umgang mit Mikrofonen, egal ob Mono oder Stereo: Experimentieren lohnt sich!

 


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Anmerkungen

  1. eine Ausnahme bilden hier sog. Bändchenmikrofone (vgl: wikipedia:Bändchenmikrofon 

  2. Die Abbildungen zu den verschiedenen Mikrofoncharakteristiken stammen von den Wikipedia-Usern Galak76 und Nicoguaro, wurden allerdings von mir erheblich modifiziert.
    Sie stehen wie die Originale unter Creative Commons Attribution-Share Alike Lizenz 

  3. Eberhard Sengpiel: Zu den Grundlagen der Hauptmikrofon-Aufnahmetechnik - Hinweise und Regeln zur Berechnung, UdK Berlin 1994 GrundlagenHauptmikrofon.pdf 

  4. vgl. zu den verschiedenen Stereofonie-Typen auch: Eberhard Sengpiel: Die drei Haupt-Aufnahmetechniken für Lautsprecher-Stereofonie, UdK Berlin 1994 DieDreiHaupt-Aufnahmetechniken.pdf 

  5. vgl.: Eberhard Sengpiel: Mikrofonbasis für AB-Hauptmikrofon, UdK Berlin 2005 MikrofonbasisFuerABHauptmikrofon.pdf 

  6. Das Office de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) war von 1964 bis 1974 die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Frankreichs nach dem Vorbild der britischen BBC. Sie wurde 1974 in sieben Nachfolgegesellschaften aufgegliedert. 

  7. Die Abbildung der Jecklin-Scheibe stammt von Victor Prize und steht unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International License

 


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